Es werden in Deutschland immer mehr Pflegekräfte gesucht, doch die Branche kämpft mit einem schlechten Ruf. Zu Unrecht, stellte eine erKant-Redakteurin fest, als sie im November ein Berufspraktikum bei TPR, einem Pflege- und Seniorenheim in Reinfeld, machte. Fragen entstanden: Können “Künstliche Intelligenzen” menschliche Betreuer und Pfleger ersetzen? Wie geht der Umgang mit dem Tod? Warum sind sogar relativ junge Menschen im Pflegeheim?

Unter “Pflege” wird die Betreuung von Menschen verstanden, die sich nur noch eingeschränkt selbst versorgen können.

Sterben dürfen oder ewig dahinsiechen?

“Mama, gib mir um Gottes Willen so ein Papier, wo draufsteht, dass ich die Apparate abstellen lassen kann, wenn es richtig schlimm um dich steht!” forderte ich sofort, als sie mich am ersten Praktikumstag mit dem Auto abholte.

Ich will niemals erleben, dass sie angeschlossen an Geräten irgendwo in einer Klinik oder Pflegezentrum liegen muss! Am Morgen hatte ich zwei Frauen gesehen, welche wie Leichen in ihren Betten lagen. Seit 20 Jahren ist eine der Frauen schon im Pflegeheim – 20 Jahre! Das einzige, was sie kann, ist ihre Augen öffnen und schließen sowie röchelnd “kommunizieren”. Das ist grausam. Das ist doch kein Leben … So etwas durchzumachen, muss schrecklich sein. Obwohl: Vielleicht bekommen diese Frauen das gar nicht mehr mit? Wieso dürfen die Menschen eigentlich nicht sterben, wenn sie es möchten?

Auf jeden Fall meinte ich mit “Papier” eine Patientenverfügung – meine Mutter und auch meine Großeltern haben so etwas schon vor vielen Jahren beim Notar unterschrieben, erhielt ich als Antwort.

Das heißt, im Ernstfall kann ich sie von ihrer Not erlösen und sterben lassen.


Doch der Umgang mit dem Tod ist auch nicht einfach!

Direkt am nächsten Mittag traf ich meine neuen Kollegen traurig an. Sie saßen alle in einem der Büros und berichteten, dass in der Nacht ein langjähriger Bewohner gestorben war und soeben der im Zimmer nebenan.

Dort lag jetzt ein Toter … In unmittelbarer Nähe. Der zweite Tote war schon abgeholt worden. Mein Unwohlsein und meine Betroffenheit lassen sich schwer beschreiben. Ich weiß nur, dass dieser Tag, diese Erfahrung mich veränderte, mich plötzlich ganz Vieles fühlen ließ, mir Angst machte, aber auch Freude – es war schön zu erleben, dass die Gestorbenen den Betreuern und Pflegern nicht egal waren.

Ich lernte, dass der Tod manchmal eine Gnade und damit besser ist, als lange pflegebedürftig und halbtot zu sein.


Wenn Erinnerungen vergehen …

Mit dem Ergotherapeuten, der mich, als Praktikantin betreute, ging ich meistens zusammen zum Mittagessen. An einem Tag fiel mir im Speisesaal besonders Herr L. auf. Er hing schräg in seinem Rollstuhl und war unruhig. “Alles okay bei ihnen?” fragte ich ihn. Er murmelte unverständliches Zeug. Irgendwas mit “Ich möchte aber nicht schon gehen” oder so ähnlich.

Mir wurde erklärt, dass er dement ist und “Alzheimer” hat. Das heißt kurz gesagt, dass er seine Denkkraft verliert. Er hat seine Erlebnisse der letzten Jahre vergessen, weiß gar nicht, dass es sie gab. Irgendwann kann er gar keine geistige Zeitreise mehr in seine Vergangenheit machen! Im Moment ist Herr L. 72 Jahre alt, doch er lebt – glaubt er – 10 Jahre früher. Damals ging er in Rente und beendete seine Karriere, wollte das aber nicht. Deswegen der oben genannte Satz von ihm.

Der Ergotherapeut erklärte mir auch, dass demente Menschen manchmal am Vergessen sterben – weil sie vergessen, wie man atmet und spricht. Die Infos werden einfach aus dem Gehirn “gelöscht”. Auch brauchen einige Demente Hilfe beim Essen, da sie nicht mehr wissen, wie sie eine Gabel benutzen sollen oder, wie man kaut.

Wie schrecklich ist denn bitte das Vergessen?


Warum sogar relativ junge Menschen im Pflegeheim sind?

An einem der Praktikumstage ging ich zum Geburtstag einer der jüngsten Bewohnerinnen mit. In dem Zimmer waren zwei Betten, eins davon leer, in dem anderen lag eine Frau. Ihr Rücken war gekrümmt. Sie war dünn, wirkte schwach und krank; sah aus, wie eine sehr alte Frau. Zusammen mit zwei Mitarbeitern und einer zweiten Praktikantin gingen wir zu ihr ans Bett. Die Frau wurde an dem Tag 60 Jahre alt – sie ist extrem jung für ein Pflegeheim!

Ein leichtes Zucken um ihren Mund war zu sehen; ihre Augen richteten sich langsam auf unsere kleine Gruppe. Sie hatte Geburtstag. Gemeinsam stimmten wir “Happy Birthday” an, doch – sie reagierte kaum. Als wir das Zimmer wieder verließen, fragte ich eine der Betreuerinnen: “Wieso hat sie keine Reaktion gezeigt? Warum ist sie hier – so jung?”

“Die Frau war lange Zeit alkoholabhängig – das hat sie körperlich und geistig sehr, sehr krank gemacht …”, lautete die Antwort. Ich war entsetzt. Dass Alkohol nicht gut für unseren Körper ist, war mir klar, aber dass es pures “Gift” für Menschen ist, war mir nicht bewusst. Die Frau ist schon seit 10 Jahren dort – als sie ins Pflegeheim kam, war sie so alt wie meine Mutter jetzt.


Auf Facebook diskutierten vor Kurzem zwei aus meinem Umfeld über das Thema, hier ein Ausschnitt ( klick darauf, dann vergrößert sich das Bild). Darin geht es um Pflege an sich und einen 20-jährigen Motorradfahrer, der einen Unfall hatte und zum Pflegefall wurde. Auf Dauer.

Das lehrt mich: Alkohol macht echt krank und: Es gibt auch junge Menschen, die Pflege brauchen!


Ist es schlimm, selbst gepflegt zu werden oder anders herum: Menschen zu pflegen?

Im Alten- und Pflegeheim wirkten viele Menschen geistig kaum anwesend – diese leben in einer Traumwelt. Ist das besser, als alles zu merken? Pfleger sind manchmal sehr herzlos und kalt zu den Patienten. Pullis werden brutal über deren Köpfe gezogen, Bitten werden ignoriert und manchen Helfern fehlt es an Empathie.

Ein Bewohner sprach mich zum Beispiel an, sagte mir, er würde seit einer Stunde fragen, ob er etwas zu Trinken bekommen könnte – doch alle haben ihn ignoriert. Schnell holte ich ihm einen Becher Apfelsaft. Der Herr war mir sehr dankbar. Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass Pflegebedürftige die Hilfe bekommen, die sie brauchen? Ist Trinken, Wasser, kein Grundbedürfnis? Unfähig zum eigenen Handeln und Kommunizieren zu sein, ist offensichtlich nicht schön.


Die meiste Herzlichkeit beim Praktikum erlebte ich von den Patienten.

Sie sind dankbar für jede Kleinigkeit, die man für sie tut, sie lachen oft und sind immer höflich. Wenn ich zum Beispiel mit ihnen gebastelt habe (was ich oft tat), sah ich die Freude in ihrem Gesicht! Jemanden glücklich zu machen, macht einen auch selber glücklich …

Menschen zu helfen, hilft Dir selbst!

Vor meinem Praktikum ging es mir nicht so gut. Ich fühlte mich manchmal wie in Trance, emotional abgeschaltet.

Nach meinem Praktikum war ich glücklicher. Andere Lachen zu sehen durch meine Taten, tat mir gut. Ich habe viele Gespräche geführt, ganz entspannt mit den Bewohnern geredet und dabei Spaß gehabt. Trotz Stress und Chaos machte es unglaublich viel Freude!


Welche Berufe gibt es in der Pflege-Branche?

Grundsätzlich: Die Chancen einen Arbeitsplatz zu finden, sind sehr gut! Es werden immer mehr Ergotherapeuten und Pfleger gesucht. Der Job kann in jedem Alter ausgeführt werden. Verdient kann in beiden Berufen zwischen 1.400€ und 2.500€ im Monat. Die Arbeitszeit liegt bei 8h am Tag (einer 40h-Woche), eventuell müssen auch Nachtschichten gemacht werden.

Typisch für den Beruf des Ergotherapeuten ist es, Gruppen- und Einzeltherapien zu planen und auszuführen. In der Einzeltherapie wird z.B. Gedächtnistraining gemacht oder einfach mal ein Gespräch geführt. Beschäftigung mit den Bewohnern (Spielen, Basteln, Spazierengehen) gehört zu den Aufgaben; Ausflüge werden geplant und ausgeführt, Dokumentationen und Berichte geschrieben.

Ein Pfleger hilft den Menschen im Pflegeheim dabei, ihren häuslichen Alltag zu bewältigen! Vor allem helfen sie aber auch bei der Selbsthilfe! Aufgaben wie Essen zubereiten und zu sich nehmen, beim WC-Gang helfen oder Duschen sind Aufgaben von Pflegern. Trotz Stress sollten alle Aufgaben liebevoll und ordentlich ausgeführt werden.

Besondere Anforderungen, um in diesen Berufen arbeiten zu können, sind unter anderem: Anleiten können, Geduld haben, konfliktfähig sein. Ein Pfleger/Ergo* sollte keine Angst vor „besonderen Menschen“ haben und sich nicht persönlich angegriffen fühlen, wenn dieser z.B. mal von einem Bewohnern angeschrien oder gehauen wird. Zuverlässigkeit, soziales und hilfsbereites Verhalten sind wichtige Grundlagen!

Zudem sollte ein Ergotherapeut, genauso wie ein Pfleger, emotional mit Not und Tod umgehen können.


Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln und dem Statistischen Bundesamt könnten in Deutschland in der stationären Versorgung bis zum Jahr 2035 rund 307.000 Pflegekräfte fehlen.
Laut der zweijährlich aktualisierten Pflegestatistik belief sich die Zahl der Pflegebedürftigen 2017 deutschlandweit auf rund 3,4 Millionen Menschen, 70 % mehr als noch zu Beginn des Jahrtausends!
Auch für die Zukunft prognostiziert das Statistische Bundesamt eine weitere Zunahme von Pflegebedürftigkeit: bis zum Jahr 2060 erwarten die Experten einen Anstieg auf rund 4,53 Millionen pflegebedürftige Menschen in Deutschland. (Quelle: Statista)

Sichere Jobs oder werden die durch KI bald ersetzt?

Wer in dieser Branche arbeitet, hat einen zukunftssicheren Job, außer, Pflegepersonal würde gänzlich von Künstlicher Intelligenz (KI), also zum Beispiel durch Pflegeroboter ersetzt werden.

Was kann “Künstliche Intelligenz” leisten und was nicht?

Mit Hilfe der KI könnten einfache Wünsche und Bedürfnisse der Patienten erfüllt werden. Jedoch nicht so, wie von einem Menschen. Roboter würden vermutlich ein “Guten Morgen, wie geht es Ihnen?” sagen, jedoch keine Emotionen zeigen – würden die Gefühle fehlen? Echte Zuwendung?

Können “Alexa” (siehe Amazon) und andere Sprachassistenten Informationen liefern, sodass eine betreuungswürdige Person zum Beispiel einfacher an Infos und Ratschläge kommt? Sich Medikamente und Pizza bestellen kann? Solange das Sprechen noch geht? Außerdem kann KI zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen übersetzen, denn: ein Roboter kann jede Sprache “lernen”!

Roboter könnten zudem durchaus für Senioren und Pflegepersonen einfache Arbeiten ausführen, z.B. Einkaufen gehen – dann könnten menschliche Betreuer ihre Zeit sinnvoller nutzen. Auch können diese z.B. Essen oder Trinken bringen und servieren. Wenn kein Mensch anwesend ist, könnte eine KI auch einen medizinischen Notfall erkennen und melden – und mehr.

Ein Roboter kann viel, Menschen werden aber dennoch gebraucht!


“Wie würdet ihr es finden, wenn Euch ein anderer Mensch oder ein Roboter duscht, füttert und Euch den Po abwischt”?

Fazit: Als Praktikant fand ich die Pflegebranche spannend, aber auch emotional belastend. Jeder, der gerne mit anderen Menschen zusammen arbeitet und sich sozial engagieren möchte, ist in der Pflege aber genau richtig!

Wirklich gerne würde ich dort jetzt ab und zu helfen, darf das aber nicht, da ich noch zu jung bin. Aber vielleicht Du?

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Fotos: Die sind von Pixabay, denn fotografieren durfte ich vor Ort, während des Praktikums, nicht.

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