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Politik & Recht, Reinfeld - Stadtgeschichten & Lokalpolitik

Rückbau des Bahnübergangs „Am Zuschlag“ in Reinfeld sorgt für Kritik

In Reinfeld sorgt der geplante Rückbau des Bahnübergangs „Am Zuschlag“ für kontroverse Diskussionen. Was für Deutsche Bahn, Stadtverwaltung und das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) als formale Umsetzung einer langjährigen Vereinbarung gilt, empfinden viele Bürger:innen als massiven Einschnitt in ihren Alltag. Gibt es eine Chance, den Rückbau zu verhindern?

Ab August 2026 soll der alte Bahnübergang (BÜ) endgültig verschwinden. Die Primärwirkung der Maßnahme ist simpel: Der Übergang wird physisch entfernt. Damit entfällt die direkte, ebenerdige Gleisquerung nebst Ampelanlage und Schranken. Die Straße wird zur Sackgasse.

Hintergrund ist eine ältere vertragliche Vereinbarung: Im Gegenzug zur Schließung des Übergangs wurde der Bau der neuen Brücke am Bahnhof ermöglicht und finanziert. Diese ist notwendig, weil sonst nach Fertigstellung des Fehmarn-Belt-Tunnels der Bahnübergang „Am Zuschlag“ häufiger zu, als offen sein würde, heißt es aus dem Rathaus. Aber muss deshalb jetzt, schon Jahre vorher, der BÜ „Am Zuschlag“ geschlossen werden?

Der Widerstand wächst. Vor allem Anwohner:innen, Familien, Senior:innen sowie Menschen mit Mobilitätseinschränkungen kritisieren den Wegfall einer direkten, ebenerdigen Verbindung zwischen beiden Stadtseiten. Für viele gehört der Übergang seit ewigen Zeiten selbstverständlich zum Alltag – als Schulweg, als Verbindung zum Bahnhof, als Anfahrtsweg zur Autobahn oder für Einkäufe.


Offizielle Ziele: Sicherheit und Effizienz

Die Maßnahme zielt auf höhere Bahnsicherheit, weniger Störungen im Schienenverkehr und Kosteneinsparungen bei der Wartung ab (Titelfoto oben aus 2021: da waren die Schranken defekt). Besonders im Hinblick auf zunehmende Güterzüge durch den Fehmarnbelt-Tunnel soll eine freie Strecke gewährleistet werden – es geht also primär um wirtschaftliche Aspekte.

In der Plangenehmigung des Eisenbahn-Bundesamtes vom 31. März 2026 heißt es: „Die Planung dient der Erhöhung der Sicherheit am Bahnübergang und der Beseitigung von starker Beeinträchtigung im Straßenverkehr. Die Überquerung der Gleise ist durch eine Straßenüberführung gesichert.“

Doch genau diese Einschätzung wird vor Ort zunehmend infrage gestellt.


Kritik an neuer Brücke, am Bahnhof und der Verkehrsführung

Foto: Susanne Braun-Speck 03/2026

Nach Einschätzung vieler Bürger:innen stellen die neue Brücke und der Bahnhof keine gleichwertige Alternative dar – insbesondere nicht für Kinder, ältere Menschen oder Personen mit eingeschränkter Mobilität. Defekte Aufzüge und längere Wege verstärken den Unmut, kritisiert werden zudem:

  • unübersichtliche Verkehrsführung am Bahnhof
  • fehlende Ampeln oder sichere Querungshilfen wie Zebrastreifen
  • hohe Fahrgeschwindigkeiten im Bereich der Brücke
  • problematische Bedingungen für Rollstühle, Rollatoren und Fahrräder
  • fehlende Halte- und Parkmöglichkeiten

Zusätzlich sorgen die Verkehrssituation im Bereich Feldstraße/B75 und diverse Unfälle an der Kreuzung für Diskussionen.

Der Bahnübergang „Am Zuschlag“ wird bislang regelmäßig auch von Autofahrern als Ausweichstrecke genutzt, um Staus im Bereich des Kreisverkehrs Feldstraße und der Kreuzung an der B75 zu umgehen. Mit der Schließung könnten sich Verkehrsströme erneut verlagern – mit bislang unklaren Folgen.


Unfallstatistik wirft Fragen auf

Ein zentrales Argument für den Rückbau ist die Sicherheit. Ein Blick in die Unfallstatistik der Deutschen Bahn legt jedoch eine differenziertere Betrachtung nahe: Laut den veröffentlichten Zahlen wurde im Jahr 2017 in Schleswig-Holstein kein einziger Unfall an Bahnübergängen registriert (Quelle). Demgegenüber standen im Jahr 2025 bis Ende August bundesweit 36 Todesopfer und 188 Verletzte auf bundeseigenen Strecken, wie der NDR berichtet (Quelle).

Diese Zahlen werfen die Frage auf, wie die konkrete Gefährdung des Bahnübergangs „Am Zuschlag“ bewertet wurde – insbesondere vor dem Hintergrund der veränderten Verkehrssituation rund um die neue Brücke, am Bahnhof sowie der Verkehrsführung in der Feldstraße/B75.

Zum Vergleich: Die Zahl der polizeilich erfassten Fahrradunfälle mit Personenschaden liegt in Deutschland in einer deutlich höheren Größenordnung. Nach vorläufigen Ergebnissen für 2025 wurden 95.794 entsprechende Unfälle registriert. Zudem entfielen 16,4 Prozent der im Straßenverkehr Getöteten auf Radfahrende, wie das Statistische Bundesamt mitteilt (Quelle).

Fragen sind auch: Wie risikohaft sind die neuen Kreisverkehre für Fahrrad- und Rollerfahrer? Wie für LKW-Fahrer nutzbar?


Sorge um Schulwege und selbstständige Mobilität

Besonders Eltern sorgen sich um die Auswirkungen auf Schulwege. Viele Kinder erreichen Schule, Bahnhof, Innenstadt oder das Einkaufsgebiet rund um Famila bislang eigenständig – zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Roller. Mit dem Wegfall des Übergangs würden Wege länger, komplizierter und aus Sicht vieler Betroffener möglicherweise auch gefährlicher.

Offene Fragen stehen im Raum:

  • Wie gelangen Rollstuhl- und Rollator-Nutzende künftig barrierefrei und ohne erhebliche Umwege auf die andere Stadtseite?
  • Könnten Eltern gezwungen sein, ihre Kinder häufiger mit dem Auto zu bringen?
  • Würde dies zusätzlichen Verkehr und neue Gefahrenzonen erzeugen?

Gerade letzteres wäre paradox: Zusätzlicher Autoverkehr widerspräche politischen Zielen rund um Klimaschutz, sichere Schulwege und nachhaltige Mobilität.


Nachhaltigkeit bedeutet mehr als Klimaschutz

Die Debatte offenbart einen grundsätzlichen Zielkonflikt. Einerseits werben Politik, Bahn und Kommunen seit Jahren für die Verkehrswende: weniger Individualverkehr, mehr Bahn, mehr Fahrrad, mehr Fußverkehr. Andererseits entfällt mit dem Bahnübergang eine direkte Verbindung für genau jene Gruppen, die auf kurze Wege und barrierearme Infrastruktur angewiesen sind.

Nachhaltigkeit umfasst nicht nur ökologische Ziele, sondern ebenso soziale Teilhabe:

  • sichere Mobilität für Kinder und Jugendliche
  • selbstständige Bewegungsfreiheit älterer Menschen
  • barrierefreie Zugänge für Menschen mit Einschränkungen
  • faire Erreichbarkeit öffentlicher Infrastruktur

Kritiker fragen deshalb: Wie soll eine Verkehrswende gelingen, wenn der Zugang zu Bahnhof und Innenstadt bzw. Industrie- und Einkaufsgebiet gleichzeitig schwieriger wird?


Offene Fragen an Behörden und Politik, sowie eine Chance

Mehrere Fragen wurden inzwischen von der Redaktion an die zuständigen Stellen gerichtet:

  • Wurden aktuelle Sicherheitsanalysen auf Basis der heutigen Verkehrsführung durchgeführt?
  • Wurden mögliche neue Gefahrenpunkte rund um Bahnhof und Brücke berücksichtigt?
  • Welche Rolle spielen Barrierefreiheit und nachhaltige Mobilität in der Bewertung?
  • Wurden mögliche Verlagerungen des Verkehrs – etwa ins Industriegebiet oder angrenzende Wohnbereiche – untersucht?
  • Gab es eine aktuelle Bürgerbeteiligung mit ernsthafter Abwägung der lokalen Interessen?

Die Antworten dürften für viele Reinfelder:innen von großem Interesse sein.

Für die Stadtverwaltung ebenso, denn es gibt in der Plangenehmigung auf Seite 16 diesen Passus:

„Treten später Tatsachen ein, die die Anordnung der aufschiebenden Wirkung rechtfertigen, so kann der durch die Plangenehmigung Beschwerte*1 einen hierauf gestützten Antrag nach § 80 Absatz 5 Satz 1 VwGO innerhalb einer Frist von einem Monat stellen und begründen. Die Frist beginnt mit dem Zeitpunkt, in dem der Beschwerte von den Tatsachen Kenntnis erlangt.“

Das wäre eindeutig günstiger, als der „Ausbau der Straßen „Am Zuschlag“ und „Mahlmannstraße“ zu einer Fahrradzone in Verbindung mit der Errichtung einer Fuß- und Radwegbrücke zur höhengleichen Querung der Bahntrasse“. Die Kosten dafür würden sich auf 8-10 Millionen Euro belaufen, welche Reinfeld alleine bezahlen müsste, heißt in der entsprechenden Vorlage für die Bauausschuss-Sitzung am 16.4.2026.

*1: Im öffentlichen Diskurs tauchen als mögliche „Beschwerte“ insbesondere Anliegerinnen und Anlieger, Bürgerinnen und Bürger mit Behinderung, lokale Vereine sowie der Beauftragte für Menschen mit Behinderung des Kreises Stormarn auf, die die Sackgassen‑ und Barrierefreiheitsproblematik kritisch sehen.

Redaktioneller Hinweis:

Die Kritik basiert auf Bürgerwahrnehmungen, lokalen Diskussionen und öffentlich zugänglichen Unterlagen. Ob die Einschätzungen zu Sicherheitsrisiken technisch oder rechtlich belastbar sind, bleibt durch die zuständigen Stellen zu bewerten.

Quellen:

  • deutschebahn.com.: https://www.deutschebahn.com/resource/blob/6845652/8f56ffa5fe8c3824e4fde735e9fcb26c/unfaelle_bahnueb-data.pdf
  • eba.bund.de: https://www.eba.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/PF/Beschluesse/Schleswig_H/2026/0331_PG_Rueckbau_BUE_Am_Zuschlag_Reinfeld_Strecke_1120.pdf
  • ln-online.de: https://www.ln-online.de/lokales/stormarn/reinfeld-bahnuebergang-am-zuschlag-bleibt-laenger-offen-als-geplant-G7LGHILTAJEGJFYIA53YKOABKU.html
  • Reinfeld – Bürgerinformationssystem. Suchfenster: https://www.reinfeld.sitzung-online.de/bi/yw040.asp
    • Vorlage zu: 2026/BM/0045 Schließung Bahnübergang „Am Zuschlag“; Unterschriftensammlung gegen die Schließung, PDF: https://www.reinfeld.sitzung-online.de/bi/___tmp/tmp/45081036/KhyNCctt302h9TkdW9ZlTRRCIpu4A6lmNctZp6GE/kSLLVolQ/99456.pdf

 

12. Mai 2026/von SBS
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